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Leicht überarbeitete Fassung eines Vortrages, gehalten anlässlich der DAV-Tagung Oktober 2000 in Bonn.

 

Klassische Astrologie

Die klassische Astrologie im Sinne der hellenistischen Klassik ist Ausdruck eines epochalen kulturellen Synkretismus, der sich vor allem im Reich Alexanders des Großen vollzog. Die antiken Autoren berufen sich vor allem auf die chaldäische Überlieferung, aber auch auf ägyptische Lehren. Schon im sechsten Jahrhundert v.Chr. hatten die Perser ihr Reich bis zum Nil ausgedehnt, sodaß spätestens dann die mesopotamische Wissenschaft in Ägypten Einlaß gefunden haben dürfte. Die spätere Eingliederung in das alexandrinische Reich, und die Entstehung eines blühenden kulturellen Zentrums in Alexandria, prädestinierten diesen Ort zum Schmelztiegel mesopotamischer, griechischer und ägyptischer Weisheit. Diese ältere Überlieferung der Chaldäer und Ägypter wurde aber entscheidend von der griechischen Philosophie und der griechischen Astronomie mitgeprägt.

Die klassische Astrologie war aufs innigste verbunden mit der Kosmologie und den damaligen geistig-religiösen Lehren, ja sie ist eigentlich ohne diese gar nicht zu verstehen. Dabei ist Astrologie nicht an eine bestimmte Konfession gebunden, sie behielt immer den Charakter einer Wissenschaft - im klassischen Sinne. Dazu gehörte aber auch, daß sie wesentlicher Bestandteil der geistig-religiösen Überlieferung war. Man kann sagen, Astrologie (inklusive den früheren Astralmythen und -kulten) gehört zur Urtradition schlechthin, zu jenem Kern religiöser Überlieferung, der letztlich auch Gegenstand einer modernen Geisteswissenschaft ist, oder sein sollte.

Der hellenistische Synkretismus drückt sich besonders in den hermetischen Lehren und der Gnosis aus. Vor allem der Hermetismus bildet die wesentliche geistige Stömung, in welche die damalige Astrologie eingebettet war. Im Übrigen ist diese Strömung viel inniger mit dem Urchristentum verwoben, als der orthodoxe Christ zugeben mag.

Diese Gnosis wird auch im Mittelalter fortentwickelt, und erfährt in Europa gerade auch im Spätmittelalter und in der Renaissance einen enormen Aufschwung. Es ist keineswegs Zufall, daß in Europa auch die Astrologie damals regelrecht wiederentdeckt wurde.

Besonders im Mittelalter entfaltete sich auch die jüdische Kabballah. Sie versteht sich als Überlieferung und Einweihung in die Lehren der jüdischen Mystik und Religion. Die kabbalistischen Lehren haben aber einen so umfassenden und universellen Charakter, daß sie weit über die Grenzen der jüdischen Religion gewirkt hat. Zum einen gilt das jüdische Volk selbst als eines der Träger chaldäischer und ägyptischer Urweisheit, zum anderen integriert die Kabbalah pythagoreische, neoplatonische und hermetische Lehren. Daher ist sie bis heute eine der wesentlichen Referenzen innerhalb der westlichen geisteswissenschaftlichen Strömungen.

Man kann aus der klassischen Philosophie und Gnosis heraus folgende Grundannahmen festhalten, welche das geistige Fundament der Astrologie bilden.

1. Prinzip der Entsprechung. Es gibt eine grundsätzliche Analogie und Sympathie zwischen den Himmelskörpern und den irdischen Dingen. Dabei werden die Himmelskörper als unvergänglich bzw. als Sitz göttlicher Mächte aufgefaßt, während die sublunare Welt dem Werden und Vergehen ausgesetzt ist.

2. Die Existenz einer Weltseele. Die Bewegungen der Sterne sind Zeichen für das irdische Geschehen; denn sowohl die Sterne wie das irdische Leben haben teil an der Weltseele, und stehen so in gegenseitiger sympathischer Beziehung.

Schon in der Antike - insbesondere bei Ptolomäus - findet man eine Auffassung, die von einem eigenständigen, kausalen Einfluß der Sterne ausgeht. In dem Maße, wie diese Auffassung weiter entspiritualisiert wird, und in einem rein mechanistischen bzw. physikalistischen Erklärungsmodell mündet, trägt sie zum Niedergang der Astrologie bei.

3. Das Prinzip der Hierarchie. Nach der Lehre der Emanationen bilden auch die planetarischen Sphären hierarchisch geordnete Stufungen. Oder anders ausgedrückt, die Planeten sind sichtbare Manifestation geistiger Hierarchien. Viele Elemente des astrologischen Lehrgebäudes, wie die Struktur der Tierkreisregenten und die Lehre der Rezeptionen, sind vor diesem Hintergrund zu verstehen.

4. Das Prinzip der Vorsehung. Die Konstellation am Anfang einer Zeit - und dies gilt ebenso für die Geburt eines Menschen - ist für das Schicksal dieser Zeit oder dieses Lebens im oben genannten Sinne prägend.

5. Der Unterschied zwischen Vorsehung, Fatalität und freiem Willen. Nach hermetischer Lehre folgt die Vorsehung einer höheren Ordnung, sie folgt dem Logos, und verwirklicht sich über das Prinzip der Notwendigkeit, während die Fatalität nur den körperlichen Dingen anhaftet. Es ist zwischen Vorsehung und Fatalität zu unterscheiden. Die Gestirne sind Zeichen der Vorsehung, und erst durch die Verstrickung mit der konkreten Realität - die ihren eigenen kausalen Gesetzmäßigkeiten folgt - wird daraus Fatalität. Erst durch die genaue Kenntnis der "Natur der Sache" und ihrer Entsprechungen, auf die sich die Konstellation bezieht, ist eine Voraussage überhaupt möglich, aber auch eine angemessene, vorbeugende Korrektur der Bedingungen. Der Mensch ist prinzipiell frei in seinem Handeln, auch wenn dieses Konsequenzen nach sich zieht, die "zur vorgesehenen Zeit" schicksalhaft zum Ausdruck kommen.

6. Die doppelte bzw. dreifache Natur des Menschen. Der Mensch ist in seinem Werdegang insoweit an die Bewegung der Gestirne gebunden, als er an der sublunaren Welt der Elemente teilhat. Somit sind körperliche Eigenschaften, Konstitution, daraus sich ergebende Charakterzüge, Leidenschaften, sowie die Lebensbedingungen, in die er geboren wird und die er im Laufe seines Lebens vorfinden wird, in ihrem Wesen astrologisch determiniert. Der höhere Intellekt bzw. die höheren seelischen Funktionen sind davon frei. Deshalb ist Vernunft und Weisheit - als Philosophie, als Gnosis oder als Offenbarung verstanden - eine notwendige Voraussetzung für die eigene Emanzipation vom Schicksal.

7. Die Lehre der Reinkarnation. Eng damit verbunden ist die Lehre von Reinkarnation und Karma, die für die meisten damaligen Astrologen und Philosophen eine Selbstverständlichkeit war. Diese geriet später in Widerspruch zur islamischen und vor allem zur christlichen Orthodoxie. Viele häretische und mystische Bewegungen des Mittelalters, die der neoplatonischen und hermetischen Tradition (und damit auch der Astrologie) näher standen, griffen den Gedanken der Reinkarnation wieder auf.

Vergleicht man dieses Weltbild mit dem mechanistischen Weltbild unserer Tage, so wird hier das Primat des Geistes postuliert. Das Geistige steht am Anfang, die Materie ist eine verdichtete Erscheinung des Geistigen.

In diesem Primat ist enthalten, daß die ganzheitliche Gestalt des Universums wie seiner verschiedenen Entitäten das Ursprüngliche sind, und nicht ein Staub, eine atomisierte Materie, die in mehr oder weniger wahrscheinlichen Wechselwirkungen eine zufällige komplexe Struktur herausbilden. In einer Ganzheit oder Gestalt zeigt sich eine sinnvolle Idee, eine sinnvolle Koordinierung und Harmonie ihrer Bestandteile. Sinn und Plan stehen am Anfang, nicht sinnloser Zufall, wie es die physikalischen Theorien in Bezug auf die Weltentstehung nahelegen, oder eine rein darwinistische Evolutionslehre hinsichtlich der Entstehung der Lebensformen. Dies sind wesentliche Prämissen, die der klassischen Astrologie zugrundeliegen.

Eine weitere Lehre klassischer Geisteswissenschaft ist die Existenz einer Weltseele, einer anima mundi. Damit ist der Lebensgeist gemeint, der die Welt erfüllt und in Bewegung hält. Kraft der Weltseele bleibt die Welt in Bewegung, verändert, wandelt und vervielfältigt sich, ohne ihren Zusammenhang, ihre innere Kohärenz und Harmonie zu verlieren. Unterschiedliche Erscheinungen offenbaren so ein gemeinsames Prinzip, sind in Form von Sympathien oder Gegensatz aufeinander bezogen.

In der Symbolik finden wir das geistige und das seelische Prinzip verschlüßelt im Hermesstab. Der senkrechte Stab versinnbildlicht das Prinzip und die grundlegende Einheit des Universums, die beiden sich windenden Schlangen sowohl eine Verdoppelung in männlich und weiblich, wie die Vervielfältigung und Reproduktion, das Stirb und Werde, das das Leben ausmacht. Der Hermesstab ist ein Symbol des Tierkreises: Die positiven und negativen Zeichen bilden die Windungen der Schlange um die Achse 0°Löwe-Wassermann.

Daran können wir schon erkennen, wie sehr die Astrologie mit der Idee der Weltseele verknüpft ist. Die Astrologie ist in ihrer Grundstruktur harmonikal, und sie bezeugt das Wirken ewiger und gleichzeitig immer neuer Kreisläufe. Und die Astrologie "wirkt", weil die Planeten und die kreisläufigen Strukturen und Harmonien die sie bilden, nicht einfach nur Zeichen sind, sonder lebendiger Ausdruck dieser Weltseele und der in ihr wirkenden Prinzipien. Ein Symbol kann nur dann echt sein, wenn in ihm etwas von der Wirklichkeit durchscheint, für das er steht. In der Astrologie haben wir es im wahrsten Sinne mit echten Symbolen zu tun.

Es ist nun deutlich geworden, daß die Alten zumindest drei Welten unterschieden haben: eine körperliche, leibliche Welt, der bestimmte Kräfte innewohnen, die sich unseren Sinnen unmittelbar zeigen, und die für die Veränderungen der Materie zuständig sind; eine Seelenwelt, in welcher die unterschiedlichen Dinge durch Affinität, Polarität und Entsprechung aufeinander bezogen und miteinander verwoben werden, und so zu einem koordinierten Ganzen werden; und eine geistige Welt, aus der die ewigen Prinzipien entströmen, welche der Welt Ordnung und Harmonie eingeben. Sie läßt sich anhand der pythagoreischen Zahlen am treffendsten erfassen.

Die Astrologie, oder das, was wir mit Hilfe der Astrologie beschreiben und in Erfahrung bringen, bezieht sich in erster Linie auf das Walten der Weltseele. Die astrologischen Symbole wie die alten Götter lassen sich am besten metaphorisch, in Bildern erfassen. Mit Hilfe der Astrologie läßt sich Weltgeschehen beschreiben. Das Horoskop ist eine Metapher dessen, was geschieht oder was werden soll.

 

Astronomie und Gnosis

Das Handwerk der Astrologie im klassischen Sinne ist nichts anderes als die Astronomie. Die Erkenntnisse über die Bewegungen der Gestirne, über ihre Lage, Beschaffenheit, ihre Rhytmik und ihre gegenseitigen Beziehungen bilden das Substrat der Astrologie. Nun war aber früher die Erforschung des Himmels gleichzeitig eine schauende, womöglich geradezu hellsichtige Betrachtung desselben. Es wird heute häufig suggeriert - wohl als eine weitere Versöhnungsgeste der Astrologie mit dem modernen Wissenschaftsverständnis - die Chaldäer wären mehr oder weniger auf empirischem Wege zur Bedeutung der Gestirne gelangt. Vielmehr scheint es so zu sein, daß die Menschen damals eine viel ausgeprägtere Fähigkeit besaßen, über die Betrachtung der Dinge ihr Wesen zu erfassen. Dieses Erfassen ist nicht einfach ein rein geistiger, denkender Akt, sondern ein seelischer Prozeß. Es war selbstverständlich, daß sich in den Kräften der Natur - auch in den Sternen - geistig-seelische Kräfte und Wesenheiten offenbarten, welche die Menschen regelrecht wahrnehmen konnten, quasi mit der Seele wahrnehmen konnten. Der moderne Wissenschaftler tut dies häufig als kindlichen Animismus ab. Solange der Kosmos als wesenhaft betrachtet wurde, als Ausdruck göttlicher Mächte, die in ihm und durch ihn walten und alle Dinge somit beseelen und zusammenhalten, solange gab es zwischen Astrologie und Astronomie auch keine Unterscheidung. Erst als der Mensch damit begann, den Kosmos zu entseelen, und als rein zufälliges Produkt mechanistischer - und damit toter - Kräfte zu verstehen, mußte es folgerichtig zu einer Scheidung, ja zu einer Feindschaft zwischen Astrologie und Astronomie kommen.

Das heißt aber mitnichten, daß wir Astrologen die Astronomie entbehren können oder sollten. Im Gegenteil, am Erbe der klassischen Astrologie heute anzuknüpfen bedeutet auch, sich die Erkenntnisse der modernen Astronomie anzueignen. Wir müssen sie uns aber aus der geistigen Perspektive aneignen, das heißt von den Phänomenen ausgehend das Wesen zu erkennen, der sich darin offenbart, und sie somit der astrologischen Betrachtung zugänglich machen. Dieses seelische Wahrnehmen geschieht vorzüglich in Bildern, seien es Erlebnisbilder, Personifikationen, Muster und Signaturen, die wir denkend, mit dem Geiste wiedererkennen und benennen können.

Diese beiden Grundpfeiler - Kosmologie und Gnosis - wieder zu beleben und in den Vordergrund zu rücken bedeutet auch, die astrologische Tradition, die ja eben aus diesem Geiste geboren ist, mit Respekt zu betrachten, wenn auch mit einem kritischen Respekt. Denn zum einen gibt es da vieles, was wir erst wieder verstehen müssen. Zum anderen sind die klassischen Texte auch kein Heiligtum. Liest man die astrologischen Texte aus jener Zeit, so gewinnt man oft den Eindruck, daß Dinge überliefert werden, deren ursprüngliche Bedeutung schon verlorengegangen war.

 

Beispiel der Elemente

Ich möchte an einem Beispiel vorzeigen, wie man aus der Tradition heraus, unter Berücksichtigung dieser beiden Aspekte das Verständnis astrologischer Zusammenhänge vertiefen und bereichern kann. Ansatzpunkt soll die Lehre der vier Elemente sein, und ihre Verbindung zum sogenannten Temperament eines Menschen. Die Elementenlehre wird heute noch gerne in die charakterologische Analyse einbezogen, allerdings, wie wir sehen werden, in einer stark abgewandelten, und in vieler Hinsicht verflachten Form.

Zuvor möchte ich kurz skizzieren, wie die klassische Elementenlehre von Aristoteles formuliert wurde.

Aristoteles definierte die 4 Elemente als jene Grundstoffe, deren Umwandlung Generation und Korruption - Werden und Vergehen - hervorrufen. Es muß eine primäre Materie geben, aus der die sinnlich erfahrbaren Körper bestehen, und aus dem die sogenannten Elemente entstanden sind; aber dieser Urstoff hat keine losgelöste Existenz, sondern erscheint immer mit einer sinnlich erfahrbaren Qualität assoziiert, welche als Gegensatzpaar beschrieben werden kann, wie zum Beispiel Wärme und Kälte.

Als Gegensätze kommen letztendlich nur zwei (bzw. vier) in Frage: Wärme und Kälte einerseits, Feuchtigkeit und Trockenheit andererseits. Das erste Paar bezeichnet aktive Prinzipien, das zweite passive Prinzipien. Aristoteles definiert sie nun folgendermaßen: Warm (oder Wärme) ist dasjenige, was Dinge derselben Gattung zusammenbringt, und damit dasjenige dissoziiert und zerstört, was aus verschiedenen Elementen zusammengesetzt ist. Kälte ist die Kraft, welche sowohl verwandte wie unterschiedliche Dinge gleichermaßen miteinander verbindet und vermengt. Wärme ist eine unterscheidende, klärende, ausdehnende Kraft, welche die Dinge dynamisiert, so daß sie sich voneinander trennen und zu ihrem natürlichen Ort streben (zum Beispiel entweicht beim Erhitzen einer Lösung der Dampf nach oben, während der Rückstand unten bleibt). Kälte ist eine zusammenziehende, bindende Kraft, die im Extrem zur Erstarrung führt. Feuchtigkeit ist nach Aristoteles das in eigenen Grenzen Undeterminierte, Unterschiedslose, das sich aber leicht eingrenzen und prägen läßt. Es handelt sich also um eine fließende Qualität. Trockenheit ist das in sich klar Begrenzte und Determinierbare, man könnte auch sagen Strukturierte, läßt sich aber nur schwer von außen begrenzen bzw. formen. Das Trockene leistet jeder Prägung oder Formung Widerstand, während Feuchtes biegsam, weich und anpassungsfähig bleibt, aber ohne innere Struktur. Alle weiteren sinnlich erfahrbaren Gegensätze lassen sich nun nach Aristoteles vor allem aus den letzteren ableiten.

Aus diesen elementaren Urqualitäten ergeben sich vier Kombinationen, die den vier "einfachen" Körpern entsprechen, die die Welt konstituieren: Feuer ist warm und trocken, Luft ist warm und feucht ("denn die Luft ist fast wie ein Dampf", sagt Aristoteles), Wasser ist feucht und kalt, Erde ist kalt und trocken. Diese Reihenfolge entspricht auch der natürlichen Lage der Elemente im Universum: Oben, bzw. an der Peripherie befindet sich natürlicherweise das Feuer, danach kommt die Luft bzw. die Atmosphäre. Dies sind die beiden warmen Elemente, die natürlicherweise nach oben streben (in erster Linie Feuer). Die dritte Ebene bildet das Wasser (das Meer) und zuletzt die Erde. Feuer und Erde bilden extreme und reinere Elemente, während Luft und Wasser mittlere Elemente bilden und sich auch leichter kombinieren. In der Tat haben sie das Feuchte gemein, was ja eine fließende, leitende Qualität darstellt.

Was dieses System so fruchtbar macht ist, daß die Welt nicht einfach in vier Grundelemente im Sinne verschiedener Stoffe eingeteilt wird, sondern daß es den Sinnen zugängliche Qualitäten sind, welche die Elemente ausmachen. Diese Urqualitäten werden gleichzeitig so beschrieben, daß sie auf eine Vielfalt, ja die gesamte physische Erscheinungswelt anwendbar sind, und so ein ungemein einfaches und gleichzeitig flexibles System von Kategorien erzeugen können, die sich gegenseitig entsprechen. Aus vier Urqualitäten gehen vier Grundelemente hervor, und aus diesen wiederum, durch weitere Verbindungen und in steigender Komplexität vier Jahreszeiten, vier Lebensalter, vier Grundfarben, vier Grundgeschmacke usw., und nicht zuletzt auch vier Körpersäfte (humores), welche nach der traditionellen Medizin für Krankheitsdispositionen, Physiognomie und Charakterformen des Menschen sorgen.

Ursprünglich kannte die hyppokratische Medizin drei Säfte, die im Überschuss zur Krankheit führen konnten. Dies entspricht bis heute den drei Konstitutionen des Ayurveda – Pitta, Kapha, Vata – die der Galle, dem Schleim und der schwarzen Galle entsprechen. Um 400 v.Chr. wird das Blut (sanguis) hinzugefügt, um die Säftelehre den vier Qualitäten und Elementen anzupassen. Die vier Körpersäfte konnten so in einen Zusammenhang gebracht werden nicht nur mit den Qualitäten, sondern auch - und dies war vom medizinischen Standpunkt aus weitaus wichtiger - mit den vier Jahreszeiten und mit den vier Lebensaltern. So wie die Jahreszeiten, die Klimata oder die Lebensalter Dispositionen zu bestimmten Krankheitsformen bergen, so erkannte man unter den Menschen verschiedene Veranlagungstypen, welche zur Ausbildung von bestimmten Krankheiten oder Krankheitssymptomen neigen. Diese Typologie erhielt fast von selbst die Bezeichnung der alten Säftelehre und ihrer Symptomatik: Phlegmatiker, Choleriker, Melancholiker und Sanguiniker (s.Abb.).

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Die eben aufgeführten Urqualitäten und Elemente werden in der klassischen Astrologie den Planeten und Tierkreiszeichen zugeordnet. Heutzutage ist den meisten nur die Zuordnung der Elemente zu den Tierkreiszeichen bekannt, und man versucht, anhand der Verteilung der Planeten in diesen Zeichen das Temperament eines Menschen zu erfassen. Damit können wir zwar gewisse allgemeine Charaktertendenzen des Geborenen beschreiben, aber die klassische Temperamentlehre war doch um einiges differenzierter und symbolisch folgerichtiger.

Ich gebe den Text von Ibn Ezra wieder, der uns zeigt, wie die "Natur des Geborenen" aus dem Geburtsbild zu ergründen sei. Im Prinzip findet man bei allen anderen mittelalterlichen Autoren dieselbe Vorgehensweise:

„Wenn Du die Natur des Geborenen kennen willst, beobachte welcher Natur das Zeichen am Aszendenten ist. Achte auf die Natur des Domizilherrschers dieses Zeichens. Und den Herrn der Erhöhung und der Triplizität; und den Herrn der Grenze; und den Herrn des Dekanats, welcher von ihnen den Grad des Aszendenten aspektiert, denn du mußt dessen Natur mit der des Aszendenten kombinieren. Wenn ein Planet sich im selben Zeichen wie der Aszendent befindet, so mische auch seine Natur mit ihm. Ebenso, wenn ein Planet beim Mond steht oder ihn aspektiert, mische seine Eigenschaften mit denen des Zeichens, in dem der Mond sich befindet, und kombiniere alles zusammen. Beobachte auch die Natur des Mondes, und wie diese sich in bezug auf die Sonne verändert ... Und wenn du all diese Eigenschaften kombiniert hast und nach ihrer Stärke abgewogen hast, also hast du den Geborenen einzuschätzen. So sagte Henoch, und dies ist die Wahrheit."

Es soll also lediglich das Zeichen am Aszendenten und des Mondes herangezogen werden, und ansonsten diejenigen Planeten, welche erstens Dispositoren dieser Faktoren sind, und zweitens sie aspektieren. Darüber hinaus soll die Mondphase berücksichtigt werden.

Bei näherer Betrachtung ist diese Vorgehensweise sehr folgerichtig. Denn das Temperament ist ja in erster Linie der im Organischen wurzelnde Reaktions- und Bewegungstonus. Temperament ist eine Sache der Konstitution, und hängt somit eng mit der körperlichen Verfassung zusammen, und damit zur sublunaren Welt, zur Sphäre der Elemente eben.

Man kann natürlich die temperamentale Grundstimmung, nicht von dem Planeten trennen, der den Aszendenten prägt. Die Physiognomie - die ja in erster Linie durch den Aszendenten angezeigt wird - spiegelt immer einen bestimmten Typus wieder, der mehr oder weniger deutlich einer bestimmten Qualitätenmischung zugeordnet werden kann. Und wenn wir unter Temperament auch Bewegungsrhytmus, Intensität und Tempo natürlicher Lebensprozeße verstehen, so muß ein entscheidender Faktor hinzugezogen werden, nämlich der Mond. Aszendent und Mond - bzw. deren qualitative Färbung durch Zeichen und Planeten - sind also folgerichtig die einzigen Faktoren, die für die Analyse des Temperaments herangezogen werden sollten. Die restlichen Planeten, die oberhalb der Mondsphäre liegen, sind für die Temperamentsfärbung kaum relevant. Diese Herangehensweise wird von der Praxis bestätigt.

„In der Domäne des Mondes liegt die Kraft der Natur", sagt Ibn Ezra, und Albubather bezeichnet den Mond unter anderem als „die Bewegung, die Gangart". Der Mond ist das beseelende Prinzip par excellence, es verleiht den Dingen ihre Erscheinung, ihr charakteristisches Verhalten, ihre Gangart, oder allgemein ihre Natur. Bei genauer Betrachtung sind die vier Elemente nach klassischer Auffassung auch nicht einfach Stoffe. Die vier Urqualitäten bezeichnen ja gerade bestimmte sinnlich erfahrbare Eigenschaften oder Zustände des Stofflichen oder des Leiblichen.

Die vier Elemente im klassischen Sinne sind das Substrat des Lebens schlechthin - die Luft zum Atmen, die Wärme, ohne die keine Stoffwechselprozeße möglich wären, das fließende Wasser, Matrix des Lebens, die nährende Erde. Die Qualitäten der vier Elemente sind nicht etwa aus atomaren - und damit untersinnlichen - Strukturen heraus erklärbar. Die untersinnliche Materie wird vielmehr zum Träger für bestimmte Kräfte, welche dieser Materie erst sinnlich erfahrbare Qualität verleihen. Diese Art der Betrachtung war für die klassischen Astrologen selbstverständlich.

Der Mond symbolisiert also eine gestaltende Wesenskraft, welche die charakteristische Natur der Dinge herausbildet. Sie ist unmittelbar an der Gestaltung ganz bestimmter Eigenschaften und Eigenarten beteiligt. Besonders deutlich wird das in der Analogie, die zwischen dem Mond und der Schwangerschaft besteht. Was erst nur keimhaft und potentiell da ist, wird ausgebildet, ausgestaltet. Diesen Prozeß beschreibt der Mond und die Mondphasen. Wir können zum Beispiel bei Neumond einen bestimmten Gedanken, eine Frage oder eine Idee in Gang setzen, und im Laufe eines Monats, insbesondere um Volllmond herum, wird es Gestalt annehmen, es wird ins Erleben gebracht, und somit unserem Bewußtsein zugänglich. Innerseelisch sind es die Bilder der Phantasie oder des Traumes, die Gemütsbewegung, die gedankliche Assoziation, die diesen Mondprozeß wiederspiegeln, äußerlich ist es das Erscheinungsbild, die Gangart, die natürliche Neigung, die ganz konkret und plastisch zum Ausdruck kommt, aber auch die "zufällige Begegnung", die Chance, die sich auftut, der Satz, der mir plötzlich etwas einleuchten läßt.

Astronomisch betrachtet liegt die Analogie auf der Hand. Zum einen ist Mond Spiegelbild, es reflektiert das Licht der Sonne. Der Mond ist also nicht die Lebenskraft selbst, oder gar die Willenskraft, sondern der Gestalter, der Vervielfältiger der Lebenskraft. Es ist eine bildende Kraft, die sich demnach in Bildern und Erscheinungen äußert. Der Mond, die tiefste, unmittelbar an der Erde angrenzende Sphäre, ist sozusagen die letzte Stufe, bevor die Wesenskräfte der Sonne und der Planeten ins irdische Dasein treten. Seine Wandelbarkeit und seine Geschwindigkeit, mit der der Mond von einem Stern oder Planeten zum anderen läuft, ist ein Zeichen für das Webende und Verbindende, für das Hineinweben der Planetenkräfte in die körperliche Existenz.

Die astronomische Betrachtung des Mondes liefert also schon unmittelbar die astrologische Bedeutung. Die modernere Erkenntnis, daß der Mond der Trabant der Erde ist, bestätigt um so mehr die klassische Interpretation. Der Mond bildet mit der Erde eine systemische Einheit, die sich vom Sonnensystem als Ganzes unterscheiden läßt und ihr untergeordnet ist.

Wir sehen, daß in dem astrologischen Mond gerade jenes Prinzip der Weltseele in besonderem Maße offenbar wird. Im Gegensatz zur sich selbst immer gleich bleibenden Sonne versinnbildlicht gerade der Mond Wechsel und Vergänglichkeit, somit auch Lebendigkeit. Es ist kein Wunder, daß patriarchalische Religionen, die gerade das Geistige sehr betont haben dazu geneigt haben, die Weltseele abzuwerten, ja sogar zu verteufeln, wie es die jüdisch-christliche Orthodoxie mit der Schlange gemacht hat.

 

Kabbalistische Anschauung

Schauen wir noch einmal kurz, was uns die Erkenntnis der alten Philosophen und Mystiker dazu sagt. Um in derselben Zeit und auf demselben kulturellen Umfeld zu bleiben, aus dem Ibn Ezra stammt, nehmen wir die Kabballah zu Rate (s. Abb.). Die jüdische Mystik hat in dem sogenannten Baum des Lebens eine der faszinierendsten und vollkommensten Modelle zum Verständnis der Schöpfung und der geistigen Welten hervorgebracht. Gleichzeitig ist die kabbalistische Symbolik sehr stark von pythagoreischen und neoplatonischen Vorstellungen durchdrungen.

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Der Sefirothbaum versinnbildlicht die verschiedenen Stufen der Emanation aus dem Göttlichen. Jenseits der ersten Sefirah - der Krone - liegt das Göttliche als etwas Unergründliches, Nicht Manifestes. Die zehn Sefiroth zeigen im Grunde den Schöpfungsprozeß, sie zeigen, wie der Unnennbare durch das Wort - den Logos - die Welt erschafft. Gleichzeitig ist jede dieser Manifestationsstufen ein Aspekt der Schöpfung, der wiederum den ganzen Lebensbaum in sich trägt. Das Teil reflektiert das Ganze.

Die unterste Sefirah heißt Malkuth, das Königreich. Malkuth stellt die konkrete, sinnlich und leiblich manifeste Welt dar. Ihre symbolische Figur ist auch eine Königin. Damit ist insbesondere auch Gaia, die lebendige Erde gemeint, die Sphäre der Elemente. Die jüdische Mystik spricht in diesem Zusammenhang von der Shekinah, dem weiblichen Aspekt Gottes, der in der Welt wohnt und sie beseelt. Malkuth ist der Tempel Gottes, die physische Realität, in welcher sich die höheren geistigen Kräfte letztlich ergießen. Wenn wir den Lebensbaum als Abbild des Menschen betrachten, so entspricht Malkuth seinem physischen Körper.

Die Sefirah unmittelbar über Malkuth heißt Yesod, das Fundament. Diese wird der Mondsphäre zugeordnet. Der Lebensbaum veranschaulicht, wie diese Bildekräfte des Mondes etwas aus höheren geistigen empfangen und umwandeln, um es dann in Malkuth manifest werden zu lassen. Es handelt sich nicht um blinde oder zufällige Bildekräfte, sondern sie sind Emanation einer höheren Intelligenz. Sie nehmen den geistigen Impuls auf und verleihen ihm Gestalt, Signatur, eine besondere Form des Erlebens und des Fühlens. Heute noch suggeriert uns die Schulwissenschaft - und übrigens auch die Schulpsychologie - daß die Erscheinungen unserer Welt quasi zufällig sind, und daß sie aus den blinden, untersinnlichen Kräften der Materie heraus entstanden sind. Auch die Psychologie spiegelt diese materialistische Auffassung wieder, wenn nur von instinkthaften, unterbewußten Kräften und Trieben ausgegangen wird, oder gar von rein biochemischen Prozessen im Gehirn. Das ist ein wesentlicher Unterschied zur geistigen Auffassung, wie sie in der Kabbalah zum Ausdruck kommt.

In Yesod fokussieren die gestaltenden, bildenden Kräfte der Natur. Zusammen mit Nezach und Hod bilden sie die sogenannte Welt der Gestaltung , Yezirah genannt. Hod symbolisiert die (niedere) Intelligenz. Hiermit ist nicht die höhere Erkenntnisfähigkeit gemeint, sondern die Wahrnehmungs- Unterscheidungs- und Manipulationsfähigkeit, wie sie zumindest bei höheren Tieren schon ausgebildet ist. Es entwickelt sich als Anpassungsvermögen an die Umwelt, es ist unser Vermögen, die Information aus der Umwelt zu ordnen und zu verbalisieren, und somit ein wichtiges Instrument des Erkennens.

Nezach wird der Venus zugeordnet, und symbolisiert vor allem rhytmische Prozeße, die für die Lebenserhaltung notwendig sind. Es ist ein harmonisierendes, pulsierendes Prinzip, das sich im Pulsschlag, im Atmungsrhythmus und in den zirkadianischen Rhythmen äußert. Die bewußte Kultivierung dieser Tätigkeiten ist eine wichtige Voraussetzung für die Entwicklung und Herausbildung höherer spiritueller Wahrnehmung, und für die Erlangung inneren Gleichgewichts. Im Zusammenhang mit Yesod und Malkuth bilden sich Sinnlichkeit, Lust und Begierde aus, die Wahrnehmung des Schönen in der Welt, vor allem Erotik und Sexualität.

Die Psychoanalyse hat die Begriffe des Lustprinzips und des Realitätsprinzips geprägt. Man kann sie in Analogie setzten mit den zwei Seiten von Yezirah, das Realitätsprinzip wäre das Dreieck bei Hod, das Lustprinzip bei Nezach. Die klassische Psychoanalyse versteht die Phänomene sehr biologistisch, aus dem Stofflich-Instinkthaften heraus, quasi nur von Malkuth aus betrachtet, und negiert die Existenz einer übergeordneten intelligenten Führung.

Gleichwohl haben wir es der Tiefenpsychologie zu verdanken, daß die Seele wieder ins Blickfeld rückt. Schon Freud griff auf mythische Themen zurück, um die Dynamik seelischer Entwicklung zu schildern, und es ist vor allem der jungianischen Psychologie zu verdanken, daß wir die Psyche als von überindividuellen, dem kollektiven Bewußtsein entspringenden Personifikationen verstehen. Diese sind den planetarischen Wesenskräften gleichzusetzen. Die klassische Astrologie geht allerdings noch einen Schritt weiter. Sie sieht in diesen Wesenskräften keine innerseelischen Erfahrungsmuster, die lediglich in die Außenwelt projiziert werden, sondern wesenhafte Prinzipien, welche die gesamte Lebenswelt konstituieren. Wir sind selbst Teil eines Dramas, in dem die Archetypen tatsächlich Gestalt annehmen in konkreten Personen und Konstellierungen unserer Lebensumstände.

In Yesod und den anliegenden Sefiroth sieht der Kabbalist den Sitz der vitalen Seelenkräfte - Nefesh. Es ist jener Aspekt der Seele, der sich auch mit dem Tod auflöst, und ist mit dem Ätherleib (Bez. zu Malkuth) und v.a. dem Astralleib der Anthroposophie und Theosophie gleichzusetzen.

Psychologisch gesprochen entspricht die Ebene Yetzirah, mit dem Mond im Zentrum, der Herausbildung der Person, oder besser gesagt die Personen in uns. Denn wie die Jungsche Archetypenlehre uns zeigt, identifizieren wir uns zwar mit einem bestimmten Typus oder Komplex, aber es gibt auch weitere Typen, die mehr oder weniger unbewußt oder als Schatten unsere Persönlichkeit konstituieren.

Die unmittelbar über Yesod liegende Sefirah - Tifareth - entspricht der Sonne, und in der Gliederung des Menschen ist das Ruach, was im Hebräischen mit Geist übersetzt wird. Es ist aber diejenige Ebene gemeint, die in der westlichen christlichen Tradition gemeinhin als Seele, als unsterbliche Seele verstanden wird. Die esoterische Psychologie spricht auch von Höherem Selbst. Hier ist der geistige Keim zu finden, von dem aus der Impuls zu einer Inkarnation ausgeht, und der sich, nachdem sich die Lebenskräfte nach dem Tod aus der Physis zurückgezogen haben, diesen überdauert und in die geistige Welt übergeht. So wie Nefesh die Grundlage für die Manifestation von Ruach bildet, so manifestiert sich in Ruach die höhere Geistseele, Neshamah genannt. Im Sohar heißt es, wenn der Mensch sein Bewußtsein auf diese Ebene gehoben hat, so wird er heilig genannt, denn er wird Eins mit dem Willen Gottes. (entspr. der obersten Sefirah Kether)

Eines der Repräsentationen von Tifareth ist der Christus, der Gottessohn. Es ist wichtig darauf hinzuweisen, daß diese Ebene außerhalb der astrologischen Wirksamkeit liegt. Der Christus ist ja als Erlöser von der Heimarmene, der Schicksalsverstrickung, die durch die Planetenkräfte erzeugt wird, zu verstehen. Hier liegt der Grund für die sekuläre Feindschaft zwischen christlicher Religion und Astrologie, die immer wieder aufflammt.

Schon der Apostel Paulus spricht im ersten Korintherbrief viel vom Geist dieser Welt und vom Heiligen oder göttlichen Geist, vom sterblichen Leib und dem Auferstehungsleib, oder vom ersten Adam, lebende Seele - Nefesh - und dem letzten Adam, lebensspendender Geist, und in diesem Zusammenhang benutzt er explizit die Begriffe des psychischen und des geistigen Leibes (auf griechisch Psyche und Pneuma)

Die Unterscheidung zwischen Psyche und Pneuma ist vom Christentum verwischt worden, oder die „lebendige Seele", das Nefesh der jüdischen Kabballah, in dem die Neigungen und Passionen der Seele stattfinden, ist verteufelt worden, weil sie dem sterblichen Leib zugehört. Wo der Leib und dieser Aspekt der lebenden oder erlebenden Seele verteufelt wird, ist es nur konsequent, auch die Astrologie zu verteufeln.

Es gibt eine Verbindung die geht von der Verehrung des Geistes und des Logos zur Vorherrschaft der Vernunft und der Logik in der modernen Wissenschaft. Und es ist dem Denken und der Vernunft gemäß, den Gegenstand seiner Betrachtung eben zum Objekt zu machen.

Das Erbe der klassischen Astrologie anzunehmen heißt, daß wir uns auch auf die Lehren besinnen, die uns gleichzeitig über die Seele und über die geisitigen Kräfte überliefert worden sind. Die Emanzipation aus den festgefahrenen Dogmen und Gesellschaftsstrukturen, die mit der Entdeckung des Uranus einhergingen, hat uns zwar frei gemacht und enorme kreative Kräfte freigesetzt, aber wir haben uns dabei in gefährlicher Weise von der Realität des Geistigen und einer Weltseele abgetrennt. Die Götter sind getötet worden, und das Ich, das freie Individuum zum Primat erhoben worden. Indem wir die Welt uns (scheinbar) untertan gemacht haben, sie und schließlich auch den Menschen zu sehr auf das rein Quantitative und auf das Zufällige, Beliebige reduziert haben, haben wir die Welt entseelt. Es ist dringend notwendig, aus dieser neu erworbenen Freiheit heraus wieder den Zugang zu finden zum Geistigen, das sich sowohl in uns als auch in der Welt draußen und im Kosmos manifestiert. Alles auf das Meßbare und auf das rein Subjektive zu reduzieren ist eine Verarmung der Lebenswelt.

Auch wenn wir das Geistige ausschließlich im Innerseelischen suchen, so werden wir gefangen in der Bilderwelt von Yesod. Wir laufen dann Gefahr, eine Nabelschau zu exerzieren, die zu keinerlei Erkenntnis im geisteswissenschaftlichen Sinne führt. Beide Tendenzen sind auch in der Ausübung der Astrologie heute zu finden. Gerade in der Astrologie haben wir eine hervorragende Chance, das materialistische Weltbild der modernen Wissenschaften in Frage zu stellen und zu überwinden. Es geht nicht darum, blind den alten Techniken zu vertrauen. Aber das Studium der alten Astrologie kann uns vieles lehren, vor allem wenn wir uns bemühen, sie aus dem geisteswissenschaftlichen und aus dem kosmologischen Hintergrund jener Zeit heraus zu verstehen. Wir können viel darüber lernen, wie auch die heutigen Erkenntnisse der Astronomie und Kosmologie geisteswissenschaftlich durchdrungen werden können.

Das wesentliche Erbe der klassischen Astrologie besteht meines Erachtens darin, daß wir die Astronomie in Verbindung mit der Geisteswissenschaft pflegen, und auf dieser Basis das astrologische Phänomen begreifen und die Astrologie weiterentwickeln. Eine Astrologie die, sich dem Main-stream einer materialistisch orientierten Wissenschaft anbiedernd, versucht, sich rein aus physikalischen und mathematischen Zusammenhängen heraus zu begreifen, ist ebenso entfremdet wie eine Astrologie, die glaubt, ohne die nähere Betrachtung und dem Studium der Astronomie und Kosmologie und der Natur auszukommen, und letztlich in den Symbolen des Horoskops nichts weiter als ein innerseelisches Bilderbuch sieht. Auch wenn es paradox erscheinen mag, aber beide Tendenzen haben denselben Ursprung in der Abtrennung und Verleugnung der geistigen Welten, die sich insbesondere im 18. Jahrhundert vollzogen hat. Das hat damals die Astrologie gekillt, vergessen wir das nicht!

Die Heiligen Drei Könige und Astrologen kamen zum Christkind, um ihm zu huldigen, eine deutliche Anerkennung der Höherstellung des Logos, des fleischgewordenen Wortes. Sie brachten ihm Geschenke, und man darf davon ausgehen, daß Jesus sie auch angenommen hat. Vielleicht ist es an der Zeit, daß Theologen und andere, mehr oder weniger verkleidete Fundamentalisten des reinen Geistes, die Gaben dankend annehmen, welche die Astrologie und das Wissen über das Wirken und Weben der lebendigen Weltseele bescheren können, ohne dabei den Geist verraten zu müssen.

 

Rafael Gil Brand